Einordnung statt Gewissheit: Dialogatlas trennt Quellen, Beobachtungen und redaktionelle Schlussfolgerungen. Neue Daten können diese Einordnung verändern.
Was die JAMA-Studie untersucht hat
McBain und Kolleg:innen befragten im November 2025 insgesamt 1.009 Jugendliche und junge Erwachsene in den USA. Die Teilnehmenden waren zwischen 12 und 21 Jahre alt. Durch eine Bevölkerungsgewichtung sollte die Stichprobe rund 42,8 Millionen Menschen dieser Altersgruppe in den Vereinigten Staaten abbilden.
Gefragt wurde, ob die Teilnehmenden jemals einen KI-Chatbot um Rat zu psychischen Themen gebeten hatten. Bei denjenigen mit entsprechender Nutzung erfasste die Studie außerdem Häufigkeit, wahrgenommene Hilfreichkeit und Offenlegung gegenüber anderen Personen. Ergänzend wurde erhoben, ob in den vorausgegangenen sechs Monaten mit einer Ärztin oder einem Arzt über psychische Bedürfnisse gesprochen worden war.
Es handelt sich um eine repräsentative Querschnittsbefragung. Sie beschreibt selbst berichtete Nutzung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Studie beobachtete keine Chatverläufe, prüfte nicht die Qualität einzelner Antworten und untersuchte keine klinische Wirkung. Diese Begrenzung ist wichtig, weil Verbreitung, subjektive Hilfreichkeit und tatsächlicher Nutzen unterschiedliche Fragen sind.
19,2 Prozent – nicht 13,1 Prozent
In der aktuellen Erhebung berichteten 19,2 Prozent, schon einmal einen KI-Chatbot für psychische Ratschläge genutzt zu haben. Hochgerechnet entspricht das rund 8,2 Millionen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den USA. Damit ist die Nutzung kein seltenes Randphänomen, auch wenn „schon einmal“ noch nichts über Intensität oder Dauer aussagt.
Die Zahl 13,1 Prozent gehört zu einer ähnlichen Befragung des Forschungsteams aus dem Jahr 2024. In der Veröffentlichung wird sie als Vergleichswert genannt. Wegen leicht unterschiedlicher Formulierungen und weil nicht dieselben Personen im Zeitverlauf beobachtet wurden, ist der Vergleich kein klassischer Längsschnitt. Die Autor:innen sprechen dennoch von einem Anstieg um beinahe die Hälfte.
Die Trennung der beiden Erhebungsjahre ist mehr als eine statistische Feinheit. Wer 13,1 Prozent als aktuellen Wert von 2025 ausgibt, unterschätzt die in der Studie berichtete Verbreitung. Wer aus dem Unterschied dagegen eine exakt gemessene individuelle Nutzungszunahme ableitet, behauptet mehr, als das Design zeigen kann.
Häufigkeit und wahrgenommene Hilfreichkeit
Unter den Personen, die KI für psychische Ratschläge genutzt hatten, taten dies 42,8 Prozent mindestens monatlich. Bezogen auf alle Befragten entspricht das ungefähr einer von zwölf Personen. Die Studie zeigt damit neben gelegentlichem Ausprobieren auch eine Gruppe, für die solche Gespräche wiederkehrend zum Alltag gehören.
91,7 Prozent der Nutzenden bewerteten die erhaltenen Ratschläge als zumindest etwas oder sehr hilfreich. Dieser Wert beschreibt die Wahrnehmung der Befragten. Er belegt weder medizinische Richtigkeit noch eine Verbesserung des Wohlbefindens. Auch eine Antwort, die beruhigt, zustimmt oder sofort verfügbar ist, kann subjektiv hilfreich wirken, ohne inhaltlich verlässlich zu sein.
Gerade für Produktentwicklung ist diese Unterscheidung entscheidend. Eine hohe Zufriedenheitsquote kann zeigen, dass ein Angebot ein Bedürfnis trifft. Sie darf aber nicht als alleiniger Wirksamkeitsnachweis verwendet werden. Dafür wären kontrollierte Studien, unabhängige Qualitätsbewertungen und längerfristige Beobachtungen nötig.
Die meisten erzählten niemandem davon
63,3 Prozent der Nutzenden hatten niemandem erzählt, dass sie einen KI-Chatbot für psychische Ratschläge verwendet hatten. Hochgerechnet entspricht das ungefähr fünf Millionen Menschen. Von denjenigen, die ihre Nutzung offenlegten, nannten 28 Prozent einen Freund oder eine Freundin; 16,4 Prozent berichteten einem vertrauten Erwachsenen wie Elternteil, Lehrkraft oder medizinischer Fachperson davon.
Nicht jede fehlende Offenlegung bedeutet Scham, Geheimhaltung oder Gefahr. Manche Gespräche können beiläufig gewesen sein. Andere Personen möchten private Gedanken grundsätzlich für sich behalten. Die Erhebung fragt nach dem Verhalten, nicht nach den Gründen. Dennoch zeigt der hohe Anteil, dass Erwachsene und Fachpersonen von einem erheblichen Teil dieser Nutzung nichts erfahren.
Daraus folgt kein Auftrag zur Überwachung. Sinnvoller sind Gesprächsmöglichkeiten ohne Vorwurf: Welche Systeme werden genutzt? Was war daran hilfreich? Gab es Antworten, die Druck gemacht, verunsichert oder eine Diagnose behauptet haben? Eine offene Nachfrage kann Medienkompetenz stärken, ohne das niedrigschwellige Bedürfnis nach einem privaten Gespräch abzuwerten.
Wer berichtete häufiger von einer Nutzung?
In den angepassten statistischen Modellen berichteten weibliche Befragte häufiger eine Nutzung als männliche Befragte. Die Odds Ratio lag bei 2,10. Bei den 18- bis 21-Jährigen war die berichtete Nutzung gegenüber den 12- bis 14-Jährigen ebenfalls höher; hier lag die Odds Ratio bei 3,65.
Auch Personen, die in den vergangenen sechs Monaten mit einer Ärztin oder einem Arzt über psychische Bedürfnisse gesprochen hatten, berichteten häufiger von einer Chatbot-Nutzung. Die Odds Ratio betrug 1,89. Das kann bedeuten, dass Menschen mit einem bereits vorhandenen Unterstützungsbedarf zusätzliche Informations- oder Gesprächswege ausprobieren. Die Querschnittsdaten können die Richtung dieses Zusammenhangs nicht klären.
Odds Ratios sind keine direkten Prozentunterschiede und keine Aussagen über einzelne Personen. Sie dürfen außerdem nicht als feste Merkmale von Geschlecht oder Alter missverstanden werden. Die Ergebnisse beziehen sich auf diese US-Stichprobe, die verwendeten Fragen und den Erhebungszeitpunkt im November 2025.
Was „psychischer Rat“ in der Studie bedeutet
Die Fragestellung war bewusst breiter als Psychotherapie. Ein Gespräch über Stress, Traurigkeit, Beziehungen oder den Umgang mit einer schwierigen Situation kann unter psychischen Rat fallen, ohne eine Behandlung zu sein. Die Studie unterscheidet daher nicht zuverlässig zwischen kurzem Informationsbedarf, emotionaler Entlastung und wiederkehrender therapeutisch wirkender Nutzung.
Ebenso wurden allgemeine Chatbots und speziell entwickelte Mental-Health-Angebote nicht als gleichartige Intervention getestet. Die Kategorie beschreibt eine Nutzungspraxis: Junge Menschen wenden sich mit psychischen Fragen an KI. Welche Modelle, Prompts, Datenschutzbedingungen und Gesprächsrollen dahinterstanden, bleibt für die Bewertung einzelner Produkte offen.
Die Autor:innen vergleichen die Größenordnung der Nutzung mit dem Anteil junger Menschen, die Beratung durch eine psychische Fachperson erhielten. Sie betonen selbst, dass beide Maße nicht gleichwertig sind. Formale Versorgung und eine beliebige Chatbot-Anfrage erfüllen andere Aufgaben, unterliegen anderen Verantwortlichkeiten und dürfen nicht gegeneinander verrechnet werden.
Warum die US-Zahlen nicht einfach für Deutschland gelten
Die Erhebung ist für die Vereinigten Staaten repräsentativ, nicht für Deutschland. Zugang zu Versorgung, Kosten, Sprache, Bekanntheit einzelner Dienste und kulturelle Erwartungen unterscheiden sich. Es wäre deshalb falsch, aus den 19,2 Prozent direkt eine deutsche Nutzerzahl zu berechnen.
Für den deutschsprachigen Raum liefert die Untersuchung dennoch eine wichtige Forschungsfrage. Wenn vergleichbare Angebote niedrigschwellig erreichbar sind, muss ihre tatsächliche Nutzung untersucht werden: nach Alter, Anlass, Häufigkeit, Gesprächsform und möglicher Ergänzung oder Verdrängung menschlicher Kontakte. Dafür braucht es eigene repräsentative Daten.
Auch Altersgruppen sollten nicht vorschnell zusammengezogen werden. Eine zwölfjährige Person hat andere Entwicklungs-, Einwilligungs- und Schutzbedürfnisse als eine 21-jährige. Produktregeln, Sprache und Datenerhebung müssen diese Unterschiede berücksichtigen, statt „junge Menschen“ als homogene Zielgruppe zu behandeln.
Folgerungen für Gesprächsangebote
Ein Angebot sollte beim ersten Kontakt klar zeigen, dass die Antworten von einem KI-System stammen. Diese Information muss verständlich sein und darf nicht erst in einem langen Rechtstext auftauchen. Gleichzeitig sollte die Kennzeichnung nicht in eine Wand aus Warnungen verwandelt werden, die den eigentlichen Zugang zum Gespräch unmöglich macht.
Datensparsamkeit ist besonders wichtig, weil persönliche Chattexte sensible Angaben über Beziehungen, Gefühle, Alltag und Gesundheit enthalten können. Ein Gastmodus kann die Einstiegshürde senken, darf aber nicht mit falschen Versprechen verbunden sein. Verständlich erklärt werden muss, was lokal bleibt, was an einen Modellanbieter übertragen wird, wie lange Daten gespeichert werden und wie sie gelöscht werden können.
Gesprächsqualität benötigt eigene Prüfungen. Das System sollte nicht reflexhaft diagnostizieren, bei jeder Belastung sofort Ratschläge ausgeben oder Zustimmung mit Verständnis verwechseln. Ebenso wichtig sind Korrekturen, ein respektiertes Nein und eine klare Trennung zwischen emotionaler Begleitung, Information und professioneller Behandlung.
- KI-Kennzeichnung beim ersten Kontakt klar und verständlich zeigen.
- Alters- und situationsgerechte Sprache statt einer einzigen Standardansprache verwenden.
- Subjektive Hilfreichkeit nicht als Nachweis von Richtigkeit oder Wirkung ausgeben.
- Speicherung, Modellanbieter und Löschung in einfacher Sprache erklären.
- Nutzung und Fehler nur mit klarer Einwilligung und datensparsam untersuchen.
Die APA-Empfehlungen als ergänzende Einordnung
Die American Psychological Association hat eigene Gesundheitshinweise zu generativen Chatbots, Wellness-Anwendungen und jugendlichem Wohlbefinden veröffentlicht. Diese Dokumente sind fachliche Empfehlungen, keine zusätzliche Wirksamkeitsstudie. Sie betonen, dass allgemeine KI-Chatbots nicht als Ersatz für qualifizierte psychische Versorgung behandelt werden sollten.
Für Jugendliche fordert die APA altersgerechte Schutzmechanismen, unabhängige Forschung und verständliche KI-Kompetenz. Zugleich beschreibt sie KI nicht pauschal als gut oder schlecht. Risiken hängen von Entwicklungsphase, Produktgestaltung, Nutzungssituation und vorhandenen Verletzlichkeiten ab.
Diese differenzierte Haltung passt zu den JAMA-Daten. Die Nutzung ist bereits da. Die praktische Frage lautet daher nicht nur, ob junge Menschen mit KI sprechen sollten. Entscheidend ist, welche Erwartungen ein Produkt erzeugt, welche Daten es verarbeitet, wie es Fehler sichtbar macht und ob Menschen weiterhin selbstbestimmt andere Formen von Unterstützung erreichen können.
Welche Forschung jetzt fehlt
Benötigt werden zunächst vergleichbare Daten für Deutschland und andere europäische Länder. Repräsentative Befragungen könnten Nutzungsanlässe, eingesetzte Produkte, Gesprächshäufigkeit und Offenlegung erfassen. Dabei sollten Wohlbefinden, psychische Behandlung, alltägliche Selbstreflexion und reine Neugier getrennt werden.
Daneben braucht es qualitative Forschung. Warum erzählen manche junge Menschen niemandem von ihrer Nutzung? Was erleben sie als hilfreich, bevormundend oder unangenehm? Welche Antworten verändern Entscheidungen oder Beziehungen? Solche Fragen lassen sich nicht allein aus Nutzungszahlen oder automatischen Chatbewertungen beantworten.
Schließlich sind längerfristige Verläufe nötig. Eine Querschnittsstudie kann nicht zeigen, ob regelmäßige Nutzung menschliche Gespräche ergänzt, ersetzt oder je nach Situation beides tut. Sie kann aber sichtbar machen, dass diese Fragen nicht mehr theoretisch sind. Millionen junger Menschen haben die Technologie bereits in ihren persönlichen Informations- und Gesprächsalltag aufgenommen.
Quellen & weiterführende Hinweise
- McBain et al. (JAMA Pediatrics, 2026): AI Chatbot Use and Disclosure for Mental Health Among US Adolescents and Young Adults
- JAMA Pediatrics: vollständige Artikelseite mit Tabellen und Methodik
- American Psychological Association: Health advisory on generative AI chatbots and wellness applications for mental health
- American Psychological Association: Artificial intelligence and adolescent well-being