Einordnung statt Gewissheit: Dialogatlas trennt Quellen, Beobachtungen und redaktionelle Schlussfolgerungen. Neue Daten können diese Einordnung verändern.
Design und Gesprächsstil wurden getrennt variiert
Die Studie nutzte ein Between-Participants-Design. Unabhängig voneinander wurden die Anwesenheit eines Avatars und ein sozialer beziehungsweise aufgabenorientierter Interaktionsstil variiert.
Dadurch lässt sich besser erkennen, welcher Bestandteil die Wahrnehmung beeinflusst. In realen Produkten erscheinen Figur, Sprache und Funktionen häufig gemeinsam, sodass ihre einzelnen Effekte schwer zu trennen sind.
Die Daten stammten von 193 Millennials in Italien. Untersucht wurde ein Chatbot für den Einzelhandel, nicht für psychische Unterstützung oder medizinische Beratung.
Die Übertragung auf andere Kontexte ist deshalb eine Einordnung, kein direkter Wirksamkeitsnachweis. Dennoch liefert das Experiment eine nützliche Designfrage: Reagieren Menschen auf das Bild oder auf die Art, wie das System mit ihnen umgeht?
Der soziale Stil erhöhte die Präsenz
Ein sozial ausgerichteter Interaktionsstil erhöhte die wahrgenommene soziale Präsenz. Menschen erlebten das Gegenüber also stärker als sozial anwesend, wenn seine Kommunikation entsprechend gestaltet war.
Soziale Präsenz beeinflusste im geprüften Modell wahrgenommene Freude, Vertrauen und letztlich die Haltung zum Chatbot. Gesprächsverhalten kann damit den gesamten Produkteindruck prägen.
Ein sozialer Stil besteht nicht nur aus freundlichen Begrüßungen. Er zeigt sich darin, ob Antworten an vorherige Aussagen anschließen, verständlich formuliert sind und den Rhythmus des Gegenübers aufnehmen.
Für unterstützende Chats kommt eine weitere Ebene hinzu: Das System muss Nähe anbieten, ohne menschliche Gegenseitigkeit oder eine therapeutische Beziehung vorzutäuschen.
Die Avatar-Anwesenheit war nicht signifikant
Für die reine Präsenz eines Avatars fand die Studie keinen signifikanten Effekt auf soziale Präsenz. Eine Figur allein machte den Chat also nicht automatisch sozialer.
Das bedeutet nicht, dass visuelles Design unwichtig ist. Ein Avatar kann Wiedererkennung, Orientierung und Atmosphäre schaffen. Sein Beitrag liegt möglicherweise eher in Markenidentität oder emotionalem Zugang als in der gemessenen sozialen Präsenz.
Problematisch wird es, wenn die Figur einen menschlicheren Eindruck verspricht, den das Gespräch nicht einlöst. Ein warm gestalteter Begleiter, der starr wiederholt oder Korrekturen vergisst, verstärkt den Bruch zwischen Erwartung und Verhalten.
Designressourcen sollten deshalb nicht nur in Animation und Ausdruck fließen. Mindestens ebenso wichtig sind Verlaufslogik, Antwortauswahl, Ladeverhalten und eine konsistente Reaktion auf Nutzergrenzen.
Humanness und Interaktivität beeinflussen Vertrauen
Ding und Najaf befragten 343 Kundinnen und Kunden aus Südchina in einem zeitversetzten Onlineverfahren zum Einsatz von E-Commerce-Chatbots. Interaktivität und wahrgenommene Menschlichkeit wirkten signifikant auf Vertrauen.
Vertrauen vermittelte wiederum den Zusammenhang zwischen diesen Merkmalen und der Absicht, Chatbots zu nutzen. Auch wahrgenommene Freude spielte als moderierender Faktor eine Rolle.
Die Ergebnisse ergänzen das Avatar-Experiment: Menschlichkeit wird nicht allein durch ein Gesicht erzeugt. Sie entsteht auch aus Reaktionsfähigkeit, Dialogfluss und der Erfahrung, dass das System auf Eingaben tatsächlich eingeht.
Im Gesundheits- oder Mental-Health-Kontext ist mehr Vertrauen jedoch nicht automatisch besser. Es muss zur tatsächlichen Zuverlässigkeit passen, damit soziale Gestaltung kein Übervertrauen erzeugt.
Vertrauen beeinflusst Absicht und tatsächliche Nutzung
Choudhury und Shamszare untersuchten 607 Erwachsene in den USA, die ChatGPT 3.5 mindestens monatlich nutzten. Häufige Zwecke waren Informationssuche, Unterhaltung und Problemlösung; 44 Personen nannten gesundheitsbezogene Fragen.
Vertrauen hatte einen signifikanten direkten Effekt auf die Nutzungsabsicht und die tatsächliche Nutzung. Ein Teil des Effekts auf die Nutzung wurde durch die Absicht vermittelt.
Das statistische Modell erklärte deutlich mehr Varianz der Nutzungsabsicht als der tatsächlichen Nutzung. Zwischen positiver Haltung und dauerhaftem Verhalten liegen also weitere Faktoren wie Nutzen, Gewohnheit, Zugang und konkrete Erfahrungen.
Die Autor:innen warnen zugleich vor blindem Vertrauen, besonders weil ChatGPT nicht ursprünglich für Gesundheitsanwendungen entwickelt wurde. Vertrauen muss begleitet und kalibriert werden.
Ein Begleiter darf erkennbar gestaltet sein
Für junge Erwachsene kann eine eigenständige Figur einen abstrakten KI-Dienst zugänglicher machen. Farben, Licht und Bewegung können einen ruhigen Raum schaffen, ohne dass die Figur kindlich wirken muss.
Der Avatar sollte jedoch nicht die zentrale Information überdecken oder eine künstliche emotionale Reaktion vorspielen. Ein leichtes Blinzeln oder eine ruhige Bewegung kann Anwesenheit markieren; dramatische Mimik behauptet schnell mehr Verständnis, als technisch vorliegt.
Auf kleinen Bildschirmen muss der Gesprächsinhalt Vorrang behalten. Der Begleiter kann kompakter werden, während Eingabe, Verlauf und KI-Kennzeichnung lesbar und bedienbar bleiben.
Barrierefreiheit verlangt zudem reduzierte Bewegung, ausreichende Kontraste und eine Funktion, die ohne visuelle Hinweise vollständig verständlich ist.
Soziale Präsenz braucht klare Grenzen
Ein sozialer Stil kann Freude und Vertrauen fördern. Bei einem länger genutzten Gesprächspartner stellt sich zusätzlich die Frage, welche Beziehungserwartung dadurch entsteht.
Das System sollte nicht suggerieren, exklusiv verfügbar zu sein, menschliche Bedürfnisse zu haben oder die Person außerhalb der technischen Nutzung zu vermissen. Solche Aussagen verstärken Bindung auf eine Weise, die die Rolle verschleiert.
Eine klare KI-Kennzeichnung ist mit Wärme vereinbar. Sie sollte beim ersten Kontakt sichtbar und im Gesprächsraum wiedererkennbar sein, ohne jede Antwort mit einem störenden Standardhinweis zu belasten.
Glaubwürdigkeit entsteht, wenn Rolle, Gestaltung und Verhalten zusammenpassen: ein erkennbar technischer Begleiter, der respektvoll reagiert und keine menschliche Gegenseitigkeit beansprucht.
Auch ein frei gewählter Name für den Begleiter ändert diese Rolle nicht. Er kann den Raum persönlicher machen, sollte aber nicht als Beleg einer eigenständigen Persönlichkeit oder eines Bewusstseins inszeniert werden.
Das Verhalten ist der eigentliche Charakter
Die Studie mit Millennials zeigt einen klaren Unterschied: Sozialer Interaktionsstil erhöhte soziale Präsenz, die bloße Avatar-Anwesenheit nicht. Ein Gesicht ist daher keine Abkürzung zu Beziehung.
Weitere Studien verbinden Interaktivität und wahrgenommene Menschlichkeit mit Vertrauen und Nutzung. Dieses Vertrauen ist wertvoll, muss aber an überprüfbare Qualität gebunden bleiben.
Für die Entwicklung bedeutet das, den Begleiter nicht nur visuell zu definieren. Sein Charakter zeigt sich darin, ob er zuhört, eine Korrektur behält, nicht automatisch berät und den gewählten Ton tatsächlich spürbar macht.
Ein Avatar kann die Tür öffnen. Ob jemand im Gespräch bleibt, entscheidet vor allem, was dahinter geschieht. Soziale Präsenz wird im Verlauf verdient, nicht mit einer Figur auf die Oberfläche geklebt.
Quellen & weiterführende Hinweise
- Roberta De Cicco, Susana Costa e Silva, Francesca Romana Alparone (2020): Millennials' attitude toward chatbots: an experimental study in a social relationship perspective
- Yi Ding, Muzammil Najaf (2024): Interactivity, humanness, and trust: a psychological approach to AI chatbot adoption in e-commerce
- Avishek Choudhury, Hamid Shamszare (2023): Investigating the Impact of User Trust on the Adoption and Use of ChatGPT: Survey Analysis